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Vom Heidenstein beim Galgenberge im Jabeler Forst

Da liegt er, der alte graue Koloß, wie ein gefällter Riese, umgeben von Moos, Heide und alten Kiefern, ein Findling von so gewaltigen Ausmaßen, wie man ihn in der an Felsen armen Jabeler Sandgegend wohl kaum sonst wo sieht, am Hange eines Hügels unfern östlich vom Quast-Jabeler Wege.

Die Gelehrten sagen, daß er vor vielen tausend Jahren mit den Gletschermassen der Eiszeit von dem skandinavischen Gebirge aus dem hohen Norden hier her die lange Reise machte.
Er ist wohl gegen 250 Zentner schwer, wie die Geologen ausgemessen und berechnet haben. Damals kamen viele seinesgleichen in unser norddeutsches Flachland. Die meisten von ihnen fanden in den Grundmoränen unserer mecklenburgischen Höhenzüge eine neue Heimat. Diesen Felsblock hier aber ließen die gewaltigen Gletschereise nicht eher aus ihren Banden, bis die Sonne endlich wieder die Übermacht über Frost und Kälte bekam. Da erblickten auch die letzten der nordischen Fremdlinge wieder das Tageslicht.
Viele der einstigen Reisegefährten waren nicht so weit gekommen. Nur eine geringe Zahl lag weit verstreut hier, in der weiten Sandebene. In den ersten Jahrhunderten hatte der alte Heidestein noch Gesellschaft. Aber nach und nach mußten sich seine Heimatgenossen von ihm trennen. Sie wurden in mühseliger Arbeit abgeschleppt und von den Menschen der Heide zu Kirchenbauten, Brücken und Sielen verwendet. Aus den vier letzten Brüdern errichtete man in Alt Jabel ein Erinnerungsmal an die Völkerschlacht 1813 bei Leipzig und ein Monument für die Gefallenen des ersten Weltkrieges.
Auch dieser letzte Recke sollte einem ähnlichen Zwecke dienen. Ihn wollte man auf einer von alten Eichen, knorrigen Wrucktannen und hohen, dunklen Fichten umrauschten Waldlichtung in der Tanzrade im Quaster Forst als Mahnmal für die in den beiden mörderischen Weltkriegen gebliebenen Waldarbeiter, Förster und Jäger des Forstamtes Leussow aufstellen. Man hatte für den Transport eine außergewöhnlich starke Schleppe angefertigt und versuchte den alten Burschen durch eine Zahl von Pferden abzuschleppen. Doch der hölzerne Kiefernschlitten zerbrach. Der Alte wollte nicht mit, und so blieb das letzte große Wahrzeichen der Eiszeit einsam weiter zwischen Moos, Heidekraut und Ginster zurück.
Vor vielleicht 3000 Jahren hatte er schon einmal seine Wohnstätte wechseln müssen. Da hatte man wohl wochenlang mit ihm herumgewrackt. Das war ihm damals sehr zuwider gewesen. Da wohnten hier in der Jabelheide hohe, schlanke, stolze und kühne germanische Völker. Kriegs- und Raubzüge und die Jagd auf die urigen Tiere des Waldes, des Sumpfes und der Heide: Bären und Wölfe, Wisente, Elche, Hirsche und Wildschweine füllten in der Hauptsache ihr Leben aus. Groß war die Freude im Dorf, wenn die Männer mit der Beute nach Hause kamen, wenn die Sieges- und die Jagdgesänge ertönten und das Wisenthorn sich schon in weiter Ferne hören ließ, dann lohten die Herdfeuer auf. Das erbeutete Wildbret wurde zerlegt und die Hirschziemer und die Schinken der Keiler geröstet. Die ganze Sippe saß bald in geselliger Runde beisammen, man schmauste und trank, bis alle vollauf gesättigt waren. Die Männer berichteten über ihre kühnen Taten, das Methorn kreiste, und das lodernde Herdfeuer erleuchtete und erwärmte die Felle.
Einst hatte man in blutigem Ringen eingedrungene Heiden zurückgeschlagen, aber nur mit letzter Gewalt und knapper Not. Dabei mußte der Sippenälteste und Führer sein Leben lassen. Still und gedrückt kehrten die Kampfgenossen mit dem Gefallenen nach Hause zurück. Sein mit vielen Wundmalen bedeckter Körper bezeugte, daß er als Held im Walhall eingegangen war. Zunächst bahrte man den Toten in voller Kleidung und im Schmuck seiner Waffen in der Halle seines Gehöftes auf. Darauf ging es an die Herrichtung seines Heldengrabes. Das wurde in dem Hügel am Waldesrand gegraben, von wo man in die Weite des Urstromtales mit den Gründen, Mooren und Brüchen hinabschauen konnte, die der Tote so sehr geliebt, wo er so oft in fröhlichem Weidwerk das Getier der Wildnis gestreckt und wo er manchesmal eingedrungene Feinde besiegt hatte. Nun sollte der Held es auch in der Ewigkeit überschauen können.
Ein Teil der Männer machte sich dabei, und schaufelte eine tiefe Grube aus. Den Boden ebnete man sorgfältig und legte ihn mit einem Steinpflaster ab. Eine andere Gruppe der Mannen fällte von den Eichen, die um das Gehöft des Toten standen, die stärkste, spalteten den mächtigen Stamm in der Mitte, höhlten ihn aus, bis der „Totenbaum” fertig war. Während dessen gellte die Totenklage der Frauen und Mädchen um den Gebliebenen. Dann begann die Totenfeier. Unter dem Weinen der Weiber trug man den Häuptling auf den Hügel hinauf. Die ganze Sippe bildete das Gefolge. Außerdem hatten sich aus dem Gau Kampf- und Jagdgefährten eingefunden. Vor der eigentlichen Beisetzung zeigte man den Toten noch einmal seinen Getreuen. Das lange wollene Gewand war mit einer bronzenen Bügelnadel, einer Fibel, geschlossen. Am rechten Handgelenk trug er den goldenen Armring, das Zeichen seiner Würde. Im Arm ruhte ihm das breite Schlachtschwert, aus schimmernder Bronze. Zur Seite lag ihm sein Speer. So hatte er alles, was ihm im Leben teuer und wert gewesen war. Er wurde in den Eichensarg gebettet. Zwei schwere Steine hielten den Deckel zu, der Seele die Rückkehr auf die Oberwelt zu wahren. Zu Füßen des Sarges standen der Tonkrug mit Speisen und das gewaltige Wisenthorn, gefüllt mit Met für die weite Wanderung ins Jenseits.
Darauf schlachtete man die rotbunte Kuh für den Totenschmaus. Die Fleischstücke wurden geröstet und gegessen, und dazu trank man Met. Dabei flammte das Feuer von dem Scheiterhaufen auf der Anhöhe auf, und grauschwarze Rauchwolken kündeten, daß man hier die Knochen, das Fell, die Hörner und die Eingeweide der Opfertiere verbrannte, um die guten Geister zu versöhnen, und dem Abgeschiedenen geneigt zu machen und die bösen zu vertreiben.
Nach dieser Totenfeier holten alle Mannen in wochenlanger, schwerer und harter Arbeit aus der Umgegend die nötigen Felsen heran, die die Jungmänner der Sippe während der Herrichtung der Totengruft gesucht und gefunden hatten. Wenn es nötig war, wurden sie zugehauen und hergerichtet. Wie man dies damals mit dem einfachen Werkzeug und Geräten aus Granit und Feuerstein fertig brachte, kann man sich heute fast nicht vorstellen.
Rings um die Grube stellte man aus den herangebrachten Steinblöcken einen Steinkranz in der Weise auf, daß man sie aufrecht stehend eingrub. Zuletzt wälzte man mit ungeheurer Kraftanstrengung den großen Findlingsriesen als Deckstein darüber. Nun war die Totenkammer fertig. Mit dicken Grassoden deckte man schließlich das ganze Steingefüge zu und schaufelte soviel Erde ringsherum, daß ein großer und breiter Grabhügel, ein Hünengrab, wie es spätere Geschlechter nannten, entstand, der davon Kunde geben sollte, daß hierunter der Häuptling der Sippe ruhte.
Im Laufe der Jahrhunderte trugen Wind, Regen und Frost den Sand des Hügels allmählich ab. Die schweren Rasenbülten zermürbten und zerfielen. Die die Seitenwände umgebenden Erdmassen gaben gleichfalls nach und die Steine fielen um oder versackten. Der große Deckstein stürzte ein. Zuletzt zeigte nur ein Haufe durcheinander gefallener und gesunkener Granitfelsen an, daß hier einst in grauer Vorzeit ein germanischer Held seine letzte Ruhestätte gefunden hatte.
Auch dies vergaßen die nachgeborenen Generationen mit der Zeit, zumal als die germanischen Völker der Teutonen und später der Langobarden ihre Wohnsitze zu beiden Seiten der Elbe verließen und nach dem Süden abwanderten und nach mehreren Jahrhunderten slawische Völker von Osten her in die Heide eindrangen.
Anfänglich begingen die Wenden hier an der einstigen germanischen Totenstätte auch wohl ihre Feste zu Ehren ihrer Götter Radegast, Swantewit und Siwa. Auch Toterngruben legten sie im Schutze des Hügels zur Verbrennung ihrer Toten an. Man fand hier früher einige Überreste von halbverbrannten menschlichen Gebeinen, tierischen Knochen und rauchgeschwärzten Feldsteinen. Dann unterblieb auch dies, und statt der heidnischen Opfer-, Toten- und Kultstätten wurden die ersten Kirchen mit ihren schlanken Türmen in den Kirchspielen der Jabelheide gebaut. Die einzelnen Steine des zerfallenen Hünengrabes dienten, wie eingangs erwähnt, anderen Zwecken.
Heute erinnert nur der letzte seiner Art, der umgefallene Riesendeckstein in seiner gewaltigen Größe und Schwere an die alte Heidenzeit und gibt der Jugend bei Wanderungen und Ausflügen Kunde von dem, was einst hier war und was sich hier alles zutrug.
„Doch fragst du nach den Ahnen, Riesen und Helden, du findest sie nicht mehr!”

Textsammlung Kantor Burmeister, Alt Jabel

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